Ich bin Ursula Biskup, 75, seit 1984 im Freundeskreis Leonberg Erfolgsgeschichten
Alkohol war in unserer Beziehung immer ein Thema, aber nicht unbedingt negativ. Der Konsum steigerte sich langsam – zunächst das Feierabend-Bier zu Hause oder in der Kneipe, dann das regelmäßige Verdauungsschnäpschen. Irgendwann kamen erfundene Entschuldigungen dazu, etwa an Weihnachten oder Silvester. Alkohol war das, um was sich allmählich alles in unserem Leben drehte. Nächtelange Diskussionen, Vereinbarungen, Deals, Hoffnungen, dass alles besser würde – Enttäuschungen, Anschuldigungen, Schuldgefühle – und dies auf beiden Seiten.
Es hat lange gedauert, bis ich mir eingestanden habe, dass etwas mit dem Konsum meines Mannes nicht normal ist. Infolge eines Ereignisses schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf – mein Mann ist Alkoholiker. So schnell wie dieser Gedanke kam, so schnell hatte ich ihn auch wieder tief in meinem Innern vergraben. Dann dauerte es noch zwei Jahre, bis ich endlich handeln konnte. Erstmals sprach ich mit einer Arbeitskollegin über meine Vermutungen und Ängste. Danach war für mich klar: „So wollte ich meine Beziehung nicht leben und so auch nicht alt werden“.
Ich besuchte in Stuttgart eine Selbsthilfegruppe, von der ich mir die Lösung erhoffte. Wie konnte ich meinen Mann dazu bewegen, mit dem Trinken aufzuhören – das konnte doch nicht so schwierig sein. Zusätzlich nahm ich Kontakt mit einer Suchthilfe-Beratungsstelle auf, immer in der Erwartung, dass man mir sagen könnte, welchen „Knopf“ ich drücken muss, damit das endlich aufhört. Es musste doch möglich sein, wieder zu einem normalen Leben zurückzukehren. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass es kein allgemein gültiges Rezept für den Ausstieg aus der Abhängigkeit gibt. Diesen Weg zu finden ist Aufgabe sowohl für den Betroffenen, als auch für die Angehörigen. Hilflosigkeit breitete sich in mir aus. Ich hatte bisher vieles alleine gestemmt, doch jetzt waren mir die Hände gebunden. Mir wurde klar, ohne die Mithilfe meines Mannes und seine Einsicht, abhängig zu sein und seinen gleichzeitigen Wunsch aus der Sucht auszusteigen, geht für uns beide nichts.
Natürlich hätte ich meinen Mann verlassen können, aber soweit war ich nicht. Ich vereinbarte einen Termin in einer Beratungsstelle in Stuttgart, ohne zu ahnen, dass mein Mann nicht mehr in der Lage war, selbstständig dorthin zu kommen. Aber er schaffte den Weg in die Beratungsstelle (PSB) in Leonberg. Hier bekamen wir den Tipp, es einmal mit dem Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe zu versuchen. Mein Mann fand den Weg in ein abstinentes Leben. Auch ich „gönnte“ mir eine therapeutische Unterstützung, da ich ahnte, selbst einen Anteil an dem Sucht-System innerhalb der Familie zu haben – nur welchen, das wusste ich damals noch nicht.
Zu den öffentlichen Sprechzeiten kamen wir mit einigen Mitgliedern ins Gespräch. Sie schlugen uns vor, mit in die Gruppenstunde zu kommen. Dieser Gruppe gehören wir heute noch an. Nach der eigenen Genesung haben wir uns aktiv in die Mitarbeit eingeklinkt. Denn als wir Hilfe brauchten, waren Menschen da, die uns auf den Weg brachten und uns begleitet haben. Das wollten wir ein Stück weit zurückgeben. Das ist jetzt über 30 Jahre her. Es ist tröstlich, in der Gruppe über unsere Ängste zu reden, sich auszutauschen und von Bewältigungsstrategien anderer zu erfahren. Wir wurden bestärkt auf unserem Weg, wir fanden Hoffnung, Rat in Alltagsfragen, aber auch Kritik und Rückmeldungen.
Was uns motiviert mitzuarbeiten? Es sind die vielen kleinen und große Wunder, die wir in dieser Arbeit erfahren dürfen. Anfangs ist es sicherlich wichtig etwas über den Verlauf, die Mechanismen und die Folgen einer Suchterkrankung zu erfahren. Manche denken jetzt sicher, da hilft doch Mister Google. Doch mehr als Wissen kann Google nicht vermitteln. Eine Sucht hat aber auch viel mit nicht gelebten Gefühlen, Isolation, Unehrlichkeit, verschobene Wahrnehmung – ja oft sogar mit einer Suizid-Gefährdung zu tun.
Für mich persönlich war anfangs wichtig zu erkennen, dass es viele Familien gibt, die mit Sucht zu kämpfen haben. Ich traf auf Menschen, die mich verstanden haben. Ich hörte Geschichten von anderen und dachte „wieso kennen die jetzt meine Geschichte?“. In all den Jahren habe ich gelernt, die Geschichten der Sucht ähneln sich. Spannend ist es, wie sich die Wege aus der Sucht heraus gestalten. Dabei Menschen zu begleiten, bereichert mein eigenes Leben.